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Angst vor Krieg - so gehe ich damit um

Spätestens nach dem 24. Februar 2022 kann dich die Angst vor einem Krieg erreicht haben. Wie ich damit umgehe und was dir helfen könnte, erzähle ich hier.




Angst vor einem Krieg und die Todesangst - so gehe ich damit um


Warum ich das Gefühl kenne

Ich bin in São Paulo, einer sehr gefährlichen Stadt in Brasilien, aufgewachsen.

  • Erleichtert zu sein, wenn ich Abends, sicher hinter mir die Haustür abgeschlossen habe - eine tägliche Angelegenheit.

  • Todesangst zu bekommen, wenn ich wieder einen bewaffneten Überfall auf der Strasse erlebt habe - ganz normal.


Mit ungefähr 3 Jahren habe ich zum ersten Mal Angst gehabt, dass mein Vater erschossen wird. Wir waren mit vielen Freunden in einem Restaurant und saßen an einem langen Tisch. Alles war laut und fröhlich, wie es halt oft in Brasilien ist. Plötzlich hat mich meine Mutter unter den Tisch geschoben und gesagt: "Psst, bleib jetzt ganz ruhig und beweg dich nicht!". Das laute Restaurant ist ganz still geworden, bis auf eine Stimme - die Stimme eines "bandidos" der gerade das Restaurant überfallen hat. Ich konnte außer vielen Beinen und einer weissen Tischdecke, nichts sehen.


Plötzlich ist die Stimme ganz nah an unseren Tisch gekommen und ich habe gehört wie der Mann mein Vater anschreit und gespürt, wie meine Mutter mich mit ihren Beinen stärker zusammendrückt. Er wollte Uhren, Schmuck und den Autoschlüssel. Mein Vater sagte: "ich habe nur einen alten Schicken mit ganz vielen Pflanzen im Kofferraum". Was danach geschah, sitzt für mich seit dem Tief in der Errinnerung... Der "bandido" sagte: "Wenn das nicht stimmt, komme ich zurück und erschiesse dich".


In meinem kleinen Kopf ging nur ein Gedanke: "ich hoffe das stimmt - er darf mein Vater nicht erschiessen". Zum Glück war es auch die Wahrheit und wir sind mit einem Schrecken davon gekommen.


Leider war das nicht mein letztes Erlebnis. Ich habe oft Tote am Strassenrand spät Abends gesehen als ich nach meiner Abenduni nach Hause fuhr; ich habe gesehen wie meine Mutter in ihrem Auto, vor meinem, überfallen wurde und zum Glück nicht mitgenommen wurde; ich habe mit 25 Jahren, einen Schuss in meine Richtung bekommen und zum Glück, nicht getroffen worden.


Sicherlich ist die Angst vor einem Krieg im ganzen Land oder Kontinent nicht mit der Angst vor einem Krieg in einer Stadt zu vergleichen. Doch die Angst und die Unsicherheit die wir als Mensch spüren sind vergleichbar. Die Sorgen die wir uns machen und die Szenarien die wir uns ausmalen. Sie lähmen und verfolgen uns wenn wir nicht mit ihnen umgehen können.




Was Angst bedeutet

Auf English gibt es eine schöne Darstellung was Angst (Fear) bedeutet.

1) Vergiss alles und Renn

2) Stelle dich allem und lerne davon


Alles zu vergessen und weg rennen ist in einer akuten Gefahr überlebenswichtig - hilft dir aber nicht dein Leben dann Stressfreier weiter zu leben.

Dieses "alles vergessen und Rennen" habe ich jedes Mal gemacht als ich bedroht wurde. Das letzte mal mit 25 Jahren, als ein Arschloch in meine Richtung geschossen hat. Ich sass in meinem Auto und mein Körper und mein Kopf sind auf Auto-Pilot umgeschaltet. Ich kann mich nicht mehr an die darauf folgenden 30 Minuten erinnern, wo ich noch im dunklen alleine durch 2 Favelas bis nach Hause gefahren bin.


Sich allem zu stellen und davon zu lernen - ist essentiell, damit wir gute Entscheidungen treffen und die Lebensfreude und Hoffnung nicht verpufft!

Nach jedem Schrecken brauchte ich wieder Mut und einen Plan damit ich weiterhin jeden Morgen zur Arbeit fahre und Geld verdiene; damit ich weiterhin Abends in die Uni fahre und meine Ausbildung fertig mache; damit ich weiterhin noch Lebensfreude und Leichtigkeit empfinden kann. Ich musste die Realität in die Augen schauen und mich vorbereiten - sonst wäre ich vor lauter Panik nicht mehr aus meinem Zimmer gekommen. Ich habe zum Beispiel eine Fake-Handtasche auf dem Beifahrersitz getan (darin war ein Regenschirm und etwas Kleingeld); ich habe gelernt wie ich als Frau so Auto fahre, dass Menschen glauben da sässe ein Mann drin; ich habe alternative Routen für den Heimweg gehabt; ich habe gelernt mit einer Hand am Steuer zu fahren und mit dem Daumen der anderen, im Notfall die Polizei Telefonnummer wählen zu können; ich habe gelernt wie ich sicher abends über rote Ampeln fahre... und das alles während ich Mambo Number 5 von Lou Bega fröhlich im Auto singe.


Und als ich endlich ausgewandert bin dachte ich, dass ich mich nie wieder mit diesen Gefühlen und Gedanken beschäftigen müsste...


Wie ich jetzt mit meiner Angst vor dem Krieg und der Todesangst umgehe

  1. Schaue mir bewusst an, was gerade in der Ukraine passiert.

  2. Unterhalte mich mit Menschen die sich mit Krieg und der Wirtschaft auskennen. Inklusive mit Omas und Opas die den Krieg schon mal erlebt haben.

  3. Folge nur eine Hand voll Quellen die ich glaube, Wahrheit zu berichten und die nicht extra versuchen meine Aufmerksamkeit zu halten, durch Sensations-Berichterstattung.

  4. Sehe mir die Nachrichten nach Bedarf an. Es gibt Tage, da hänge ich mehr an der Glotze und Twitter, an anderen, da mach ich den Fernseher nur einmal an.

  5. Versuche mich NICHT mit Menschen darüber zu unterhalten, die eine toxische Positivität haben. (Diese die, egal wie schlimm die Situation ist, immer nur sagen: "Ach, da wird schon nicht passieren"; "Ach, am Ende wird alles gut"; "Ach, wenn es sein muss, wird es halt so sein")

  6. Teile alle meine Sorgen und Gedanken mit meinem Mann und engsten vertrauten

  7. Höre meinem Mann und Kindern genau zu wenn sie über ihre Sorgen sprechen - und bewerte sie nicht. Sie sollen sich frei fühlen und nichts verdrängen müssen.

  8. Gebe Rat und teile meine Meinung nur wenn ich gefragt werde.

  9. Bereite mich für verschiedene Szenarien vor. Sei es selbst zu flüchten, sei es mit genug Zeit auszureisen, sei es da zu bleiben wo ich gerade bin.

  10. Hoffe auf das beste - und das geht für mich über das Beten / Meditieren.

  11. Vernachlässige nicht meine Alltagsaufgaben und Verantwortung - zwinge mich aber nicht alles zu tun. Ich habe zum Beispiel meinen Kindern letzte Woche mehr Glotz-zeit gegeben, weil ich keine Lust hatte mir ihre Streitereien anzuhören. Ich wusste, ich würde ausrasten. Ich bin zum Beispiel auch zwei mal ohne Zähneputzen ins Bett gegangen weil ich einfach kein Bock hatte. Gehört dazu, macht mir nichts aus und keiner wird darunter leiden (ausser mein Mann am nächsten Morgen :-D)

  12. Helfe anderen. Im Moment mit Geld und Sachspenden.

  13. Zähle nicht bis 5 sondern bis 15 wenn mich jemand auf der Strasse oder im Supermarkt anschnauzt. Sie haben ja auch nur die selben Ängste und ähnliche Sorgen...

  14. Lache immer noch täglich. Wenn mich keiner zum lachen bringt oder ich mich nicht selbst über mich lustig mache - helfen immer noch die 100 lustigsten Tiervideos!



Angst vor dem Krieg - vielleicht helfen sie dir auch

  • Habe keine Angst der Realität in die Augen zu schauen. Du brauchst sie um bessere Entscheidungen zu treffen

  • Lass keinem dir sagen wie viel Nachrichten du über die Situation in der Ukraine sehen sollst - sei aber selbst sehr achtsam, damit du bemerkst, wann es anfängt dich zu erschöpfen

  • Finde jemanden mit dem du darüber sprechen kannst - jemanden der dich nicht mit toxischer positivität unterbrechen wird, sondern jemand der dir wirklich zuhört und eventuell auch Rat geben kann

  • Wenn die Todesangst oder Angst vor dem Krieg länger als 7 Tage bei dir anhält und du deine täglichen Aufgaben nicht mehr machen kannst, hol dir bitte professionelle Hilfe. Dieser Artikel hilft dir zu entscheiden ob ein Mental Coach oder ein Psychologe was für dich wäre

  • Frage dich: "Was kann ich konkret tun, damit ich mich vorbereitet fühle?". Schreibe es auf und dann, tue es!

  • Nutze deine Zeit um anderen Menschen zu helfen. Egal wie, verwandle deine Angst in Mut und taten.

  • Richte dir eine Ecke zuhause ein, wo du beten und / oder meditieren kannst. Richte dort deine Aufmerksamkeit auf den Weltfrieden, auf erfolgreiche Verhandlungen, auf unbeschwertere Zeiten und Danke alles was gut läuft in deinem Leben. Liste es der Reihe nach auf - du wirst sehen wie gut das tut!

  • Lebe jeden Tag in Dankbarkeit und versuche deine Ziele weiter zu verfolgen. Es ist OK das eigene Leben weiter leben zu wollen und das beste draus zu machen, obwohl es gerade anderen so verdammt dreckig geht. Denn, wie kannst du ihnen helfen wenn du jetzt dein eigenes Leben vernachlässigst und vor Angst erstarrst? Die Welt braucht uns stark, mutig und hoffnungsvoll.

Ich hoffe dieser Artikel hilft dir etwas weiter. Falls du auch Tipps hast - mit der Angst vor dem Krieg umzugehen, - schreibe sie gerne in die Kommentare. So hilfst du auch anderen Menschen die hier landen und Rat suchen.






Die Autorin: Katia Steilemann ist Raumexpertin, Mental Coach und Präventologin. Sie zeigt, wie wir mehr aus unserem Zuhause machen – damit wir dort Kraft für unseren Alltag tanken können. Ihre Tipps sind bekannt im RTL, WDR, SAT1


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